Detlef Kinslers LIVE-Album

Seit der ersten Ausgabe des JOURNAL FRANKFURT 1990 ist Detlef Kinsler Musikredakteur unserer Schwesterzeitschrift. Schon davor arbeitete der gebürtige Frankfurter für Stadtmagazine, Tageszeitungen wie die Frankfurter Rundschau (mit eigener Kolumne über die „Szene Frankfurt“) und Musikmagazine wie das Fachblatt und den Musikexpress. Darüber hinaus war er Co-Autor des Lexikons „Rock in Deutschland“ und stellte die Musikedition von Trivial Pursuit zusammen. Er gehörte auch zum Team von „hr1 SchwarzWeiss“ beim Hessischen Rundfunk. Von Anfang an war dabei auch die Kamera ein (fast) ständiger Begleiter. Als „ambitionierter Nebenbeifotograf“ (O-Ton Kinsler) hat er so über die Jahre unzählige Konzerte in Texten und Bildern dokumentiert.

www.detlef-kinsler.de

MUSIK-LEGENDEN

Larkin’ Poe
Larkin’ Poe

Frankfurt, Zoom, 1.4.2019

Hamburg, Köln, München – so groß sind Larkin’ Poe inzwischen, dass sie Frankfurt auslassen können. Schade. Früher – genauer gesagt 2015 und 2019 – konnte man sie noch ganz intim im Zoom in der Brönnerstraße erleben. Ohne jegliche Zurückhaltung ging das Quartett am 1. April gleich in die Offensive und zog die Fans noch vor dem ersten Ton auf seine Seite mit der Ansage: „So viel Rock’n’Roll-Feeling an einem Montagabend, wie wunderbar.“ Keine Zeit für Geplänkel. Rebecca Lovell gab mit markanten Gitarren-Riffs die Richtung vor, Tarkan Layman am Bass und Kevin McGowan am Schlagzeug marschierten mit und Megan Lovell setzte erste Akzente mit dem Bottleneck auf ihrer Lapsteel-Gitarre. „Wir sind so froh, mit Blues, Country und Americana aufgewachsen zu sein“, erzählten sie und machten sich an ihre kreative Wurzelbehandlung. Den alten Helden wurde Tribut gezollt. „Larkin Poe“ interpretierten Leadbellys „Black Betty“ und erinnerten mit ihrer erdigen Version daran, dass sich die Hard Rocker von Ram Jam schon 1977 erfolgreich daran versucht hatten. Die Blues-Größe Sun House wurde mit dem „Preachin‘ Blues“ gefeiert. Die Zugabe schließlich war dem legendären Robert Johnson mit seinem „Come On In My Kitchen“ vorbehalten. Letzteres übrigens in doppelter Hinsicht eine Inspiration für Ata Macias.

The J. Geils Band/The Rolling Stones
The J. Geils Band/The Rolling Stones

Frankfurt, Festhalle, 29.6.1982

Auf dem Foto sehen wir The J. Geils Band, die ihr „Freeze Frame“-Programm als Support der Rolling Stones in Deutschland präsentieren konnte und Sänger Peter Wolf gab sich spritzig und benetzte das längst aufgeheizte Publikum. Hinter uns auf der Pressetribüne saß übrigens der Vater von Keith Richards, der weitaus frischer aussah als sein Filius. Dass ich den wie auch Enkel Marlon ganz aus der Nähe sehen würde, ahnte ich da noch nicht. Doch plötzlich tauchte Impresario Fritz Rau auf und fragte, ob ich ihm einen Gefallen tun könne. Kollege Uli Olshausen hatte kurzfristig absagen müssen. Er wollte Keyboarder Chuck Leavell (Allman Brothers Band), der für die Stones die Tasten drückte, interviewen und der freute sich schon seit Tagen darauf, dass er endlich auch Beachtung fand. Natürlich wurde ein komplettes Fotografier-Verbot für Backstage ausgesprochen. Da vergnügte sich Marlon am Kicker und als ich gerade mit Leavell am Reden war, flog die Tür auf und Keith stand im Rahmen. Er wolle mal schauen, ob alles in Ordnung sei. „Klar“, erwiderten wir und ich schob noch hinterher, wenn er noch länger da stehe bliebe, müsse ich obwohl verboten doch ein Bild von ihm machen. „Danke für den Tipp“, meinte Keith und weg war er.

Jethro Tull
Jethro Tull

Frankfurt, Festhalle, 2.2.1973

Ihr erstes Konzert spielten Jethro Tull am 21.2.1970 in der Jahrhunderthalle. Da wurde der Saal gestürmt, die Glasfront ging zu Bruch und Konzertveranstalter Fritz Rau musste 40.000 D-Mark berappen und beim Vorstand der Farbwerke Hoechst AG um gutes Wetter bitten. Sonst hätte es da, wo schon Jimi Hendrix und Janis Joplin aufgetreten waren, keine Rockkonzerte mehr gegeben. Jethro Tull spielten danach allerdings in schöner Regelmäßigkeit in der Festhalle. Da war ich dann alt genug und die lag so zentral, dass ich dabei sein durfte.Zum ersten Mal am 22.1.1972 mit den wunderbaren Gentle Giant als Support. Noch eine Entdeckung. Die Bilder hier – wieder mit Kodak Instamatic aufgenommen – entstanden am 2.2.1973. Da eröffneten sie in der Besetzung Ian Anderson (Gesang, akustische Gitarre, Flöte), Barriemore Barlow (Schlagzeug), Jon Evan (Piano), Jeffrey Hammond-Hammond (Bass) und Martin Lancelot Barre (Gitarre, im Uhrzeigersinn) den Abend mit „Thick As A Brick“, das sie komplett spielten. Im zweiten Teil folgten dann die Hits wie „Aqualung“ und „Locomotive Breath“.

Sinéad O’Connor
Sinéad O’Connor

Frankfurt, Batschkapp, 8.3.19883

Nach Sinéad O’Connors Tod war es nicht anders als zuvor bei Jane Birkin und so vielen anderen Kollegen und Kolleginnen: eine große Karriere wird im Nachruf oft auf einen Hit reduziert,  Bei der Irin war es „Nothing Compares 2 U“. Unvergleichlich und einzigartig war die schöne Frau mit dem kahl rasierten Schädel aber lange bevor sie Prince’ Ballade 1990 zu ihrem eigenen Song gemacht hatte. Als ich sie das erste Mal 1987 eine Woche vor Weihnachten in London zum Interview traf, ihr Sohn Jake war gerade ein halbes Jahr alt, bekam der ihre volle Aufmerksamkeit. Trotzdem war sie eine wache, wenn auch mißtrauische Gesprächspartnerin. Im März darauf war sie dann live in Frankfurt. Rio Reiser war auch in der Stadt, die Rodgau Monotones feierten ihren 10. Geburtstag. Top-Priorität hatte aber das Konzert in der Batschkapp. Ein intensives Erlebnis mit Songs vom „The Lion And The Cobra“-Debüt („Jackie“, „Mandinka“, „Never Get Old“, „Jerusalem“, „Just Like U Said It Would B“ und „I Want Your Hands On Me“) und einem Vorgeschmack auf die zweite LP „I Do Not Want What I Haven’t Got“ mit „Jump In The River“. Am Ende des Konzerts gab es noch ein The Smiths-Cover mit „The Hand That Rocks The Cradle“.

Flatsch!
Flatsch!

Frankfurt, Festplatz am Ratsweg, Herbst 1983

Nicht weit vom Festplatz, wo das Foto entstand als gerade der Zirkus Barum zu Gast in Frankfurt war, ist der Bornheimer Hang. Da im FSV Stadion spielten Flatsch! am 14. Juli 1984 mit Feinbein, Hob Goblin, den Crackers und den Rodgau Monotones (Special Guest von der Insel: Roger Chapman) und machten – mit Augenzwinkern – die „Pampa Power“ hoffähig. „Rhein-Main schlägt zurück“ wurde in allen dritten Programmen der ARD live übertragen: Schaut her Köln, Hamburg und Berlin: Wir gehören auch in die erste Liga deutschsprachiger Rock’n’Roller. Und das gerne auch mit mehr als einem Hauch von Komik. Und gänzlich ohne Erbarmen. Es war eh zu spät. Auf dem Bild sehen wir den neuen Bassisten Hans Riffer (links), der gerade zu Sepp’l Niemeyer (Schlagzeug), Gerd Knebel (Gesang, schon da mit Badesalz parallel aktiv), Olaf Mill (Eisberg Duo) und Andreas Scheinhütte (beide Gitarre) gestoßen war. Gemeinsam nahm man dann das Album „Vier: Sei mal ’n bissi lieb“, produziert vom damaligen BAP-Drummer Jürgen Zöller, auf.

Ton Steine Scherben
Ton Steine Scherben

Frankfurt, Batschkapp, 19.1.2015

Ralph und Ralf gesellen sich gerne, hier beobachtet von Jimi Hendrix Backstage in der Batschkapp. Als Ralph Peter Steitz alias R.P.S. Lanrue mit Ton Stein Scherben in die Gwinnerstraße kam, traf er auch auf den Chef des Clubs. Zum Konzert in Frankfurt machte ich vorab ein Interview mit dem Scherben-Gitarristen und es gab danach einen schönen Artikel in der Offenbach Post mit der plakativen Headline voller Lokalkolorit: „Die Rückkehr der Rodgau Rebellen“. Wie das? Lanrue erinnerte sich nur zu gerne daran, dass er und Rio Reiser (noch ein Ralph, der mit Nachnamen Möbius) sich im Rodgau trafen. „Da bin ich mit Rio im Schwesternhaus in Nieder-Roden aufgetreten, dort hatten wir unseren ersten Auftritt – vor nunmehr 50 Jahren.“ Im zarten Alter von zwölfeinhalb kam der in Grenoble geborene Lanrue ins Rodgau. „Kurz vor meinem 14. Geburtstag habe ich Rio kennen gelernt. Ich war damals Schlagzeuger und suchte einen Gitarristen für einen Auftritt“, erzählte der Jahrgang 1950. Ralph Peter lernte Dekorateur in Offenbach, Ralph Christian machte eine Ausbildung bei einem Fotografen in Bieber. Im Vorortzug konnte man Pläne schmieden. Die erste Band der jungen Wilden hieß übrigens Beats Kings, schließlich coverte man Kinks, Pretty Things und The Who. 

AC/DC
AC/DC

Offenbach, Stadthalle, 4.12.1979

Auf internationalen Tourplänen stand damals tatsächlich gerne mal: Frankfurt, Stadthalle Offenbach. Sorry, liebe Nachbarn. Aber das nur am Rande. Spricht man von Megastars der Rockgeschichte, ist bei vielen die Wahrnehmung: Die müssen doch immer schon mindestens in der Festhalle gespielt haben. Aber mitnichten. Phil Collins gab sein Solodebüt in der Jahrhunderthalle Hoechst, Queen spielten gar ihren ersten Frankfurt-Gig im Gesellschaftshaus im Palmengarten, Genesis im alten Zoom und AC/DC gastierten gleich vier Mal in der Stadthalle Offenbach bevor sie „Hells Bells“ in Frankfurts „Gudd Stubb“ läuten ließen, so auch auf ihrer „Highway To Hell“-Tour. Da bekamen Bon Scott, Agnus Young & Co. von der ihrer deutschen Plattenfirma wea alle Dampfwalzen überreicht mit der passenden Aufschrift „You’re rolling all over Germany“. Auf dem Bild hinten rechts versteckt sich übrigens der Tourpromoter Mike Scheller.

PETER MURPHY
PETER MURPHY

Frankfurt, Das Bett, 10.11.2018

Auf seiner „40 Years of Bauhaus Ruby Celebration Tour“ traf Peter Murphy auf ein bunt gemischtes Publikum aus Punks, Grufties, Metalheads, Normalos und Individualisten. Alle hatten Lust auf originäre Musik, die über drei Dekaden nichts von ihrer Faszination verloren hat.  Ein signifikanter Sound. Die Stimme war eindringlich in den Rezitativen wie den herausgeschrienen Passagen, die Musik dazu intensiv, aber nicht wie oft beschworen nur dunkel, sondern expressiv und exzessiv. Alles wurde entsprechend optisch in Szene gesetzt. Die Lichtregie tauchte Murphy mit seinem grauen Kinnbart und seinen markanten Gesichtszügen in ein diabolisches Licht, mal düster, mal grell. Er bewegte sich nicht ohne Theatralik, illustrierte seine Lyrics, den „Spy In The Cab“ oder den „Stigmata Martyr“. Eine charismatische Bühnenpersönlichkeit ohne Frage. Der Punk-Background war so präsent wie die Lust am Experiment und die Extravaganz des Glam Rocks. Dem wurde in der Zugabe noch eine Referenz erwiesen. Mit „Telegram Sam“ von T. Rex und David Bowies „Ziggy Stardust“, das klang, als habe es Led Zeppelin in die Mangel genommen.

TEN YEARS AFTER
TEN YEARS AFTER

Frankfurt, Hotel Intercontinental, 1.4.1972

In dieser Zeit war das Interconti in der Wilhelm-Leuschner-Straße oft mein Anlaufpunkt am Nachmittag vor den Konzerten. Denn viele Bands stiegen da ab und so traf ich dort u.a. auch Deep Purple, Mountain und Ten Years After um ein paar Bilder zu machen und mich in Mini-Interviews („Excuse me, may I ask you one question?“ Alvin Lee: „Yeah, go ahead, if it´s just one …“) zu versuchen. So lernte ich auch die unterschiedlichsten Akzente von der Insel kennen und konnte damit meinen Oxford English-vernarrten Lehrer ärgern. Zur Begrüßung ins Hotel war auch Horst Lippmann (auf dem Bild oben links neben Sänger und Gitarrist Alvin Lee), der Agentur-Partner von Fritz Rau bei Lippmann+Rau ins österlich geschmückte Foyer mit mümmelnden Häschen im Stall gekommen. Der machte auch abends beim vorm Auftritt die Ansage in breitesten Frankfurterisch obwohl er ja aus Eisenach stammte. Zu hören übrigens auf der 1973 erschienenen Doppel-LP „Recorded Live“: „Und nun in der Festhalle Frankfurt – Ten Years After.“

ALICE SARA OTT
ALICE SARA OTT

Frankfurt, Weseler Werft, 22.8.2019

Ein typischer Small talk unter Musikfans. Frage: „Und was war Dein tollstes Konzert in diesem Jahr bis jetzt?“ Antwort: „Das Saisonabschluss-Konzert des hr-Sinfonieorchesters mit Igor Strawinskys ,Le Sacre du Printemps’ …“ Irritation allenthalben. „Ich meinte eigentlich ein Rockkonzert“ hakte mein Gegenüber nach. „Ich auch. Allein die Energie der zehn Kontrabässe. Die blasen ohne Verstärkung locker Rammstein von der Rampe.“ Ja kann denn Klassik rocken? Na klar! Auch Alice Sara Ott brachte beim „Europa Open Air“ mit dem hr-Sinfonieorchester neben Eleganz und technischer Raffinesse mit ihrer Interpretation von Franz Liszts „Totentanz“ auch viel Dynamik auf die Bühne. Schon Jahre vorher – ihr Chopin-Album war gerade veröffentlicht – entschied sie sich bei einem Yellow Lounge-Auftritt im Cocoon kurzerhand um und spielte auch da Liszt. Weil das besser zur lockeren Atmosphäre im Raumschiff passte. Und weil – wie sie lachend moderierte – durchaus sexuelle Spannungen in einigen Kompositionen zu spüren seien.

EMBRYO
EMBRYO

Frankfurt, Palmengarten, Sommer 1973

Die Konzerte des „Summer In The City“ und „Jazz im Palmengarten“ im Musikpavillon des Palmengartens sind legendär. Aber es gab auch mal eine kleine, feine Open Air-Reihe am nördlichen Ende des Parks auf der Wiese vor der Villa Leonardi. Da traten im Sommer 1973 unter dem luftigen Zeltdach u.a. Krautrock-Legenden wie Birth Control, Guru Guru und Embryo auf. In der Besetzung Christian Burchard (Schlagzeug, Marimbaphon), Roman Bunka (Gitarre, Oud), Charlie Mariano (Saxophon, Nagaswaram) und Dieter Mikautsch (Keyboards) begeisterten Embryo mit Jazzrock- und Weltmusik-Anleihen. Dem 2018 verstorbenem Bandgründer Christian Burchard dürfte es bei seinem Blick von seiner Wolke gefallen, dass seine Fusionidee sich immer wieder als zeitlos aktuell erweist. Denn seine Tochter Marja führt die Band fort und die spielte in den vergangenen Jahren regelmäßig zum Finale der Sommerwerft, auch bei „Jazz Montez“ und auf dem „El Barrio“-Festival 2021 wo sie auch ein junges Publikum überzeugte.

ERIKA STUCKY
ERIKA STUCKY

Frankfurt, Mousonturm, 4.1.2020

Egal mit welchem ihrer vielen Programme die in San Francisco geborene Schweizerin ihr Publikum beglückt, es ist immer extraordinär, amüsant und äußerst unterhaltsam. Mal widmet sie sich Jimi Hendrix, mal dem Blues in all seinen Facetten oder dem Jodler aus unterschiedlichen Kulturen. Am 13. April gibt es die „Stucky Yodels“ live im Bürgerhaus Sprendlingen. Mit ihren Interpretationen macht sie Folklore genießbar. Sie jodelt sich – nicht nur begleitet von ihrem Schwyzerörgeli, diesem Miniatur-Akkordeon, – durch den Abend, sondern wird dem Publikum auf der großen Leinwand auch noch idyllische Bilder von Alpenpanoramen und – weit wichtiger noch – von schnuckeligen Geißen gönnen. Mit denen scheint sie ständig zu kommunizieren. Mit viel Fantasie hört man das Rauschen der Gletscher unter dem Eis und das Meckern der Ziegen während Stucky Glöckchenklänge dazu beisteuert. Der Almöhi lässt grüßen und Heidi ist zurück.

DJ VIRA
DJ VIRA

6.10.1986, Cooky’s, Am Salzhaus

Dass wir Vira hier in Lederhosen arbeiten sehen, hatte einen ganz triftigen Grund. An diesem Abend wurde in Frankfurts Kultclub Cooky’s ein Oktoberfest gefeiert. Egal in welchem Outfit: Wenn die Blondine an der Bar arbeitete, war sie die Attraktion auch für alle Rockstars (von Deep Purple bis Rod Stewart), die nach ihrem Konzert in den Keller kamen. „Ich habe von 1975 bis 1987 im Cookys, nicht nur an der Bar, sondern auch als erster weibliche DJ im Rhein-Main-Gebiet gearbeitet. Noch bevor Marusha aktuell war“, erinnert sich Vira gerne an diese Zeit. Schließlich hat sie da auch ihren späteren Mann Rainer kennengelernt. Der ist auch heute immer dabei, wenn DJ Vira zwei Mal im Monat (im März am 9. und 31.3.) in der Brotfabrik zur „minus50plus“-Disco einlädt. Vorproduzierte Musik vom USB-Stick sind bei ihr Tabu. Wie sagte sie einmal im Interview. Nur so tun als ob käme für sie nicht in Frage. „Ich brauche das Haptische, muss das Cover sehen, die Platte auspacken können.“

Jeff Beck / Beck, Bogert & Appice
Jeff Beck / Beck, Bogert & Appice

8.10.1972, Esso Motor Hotel, Jahrhunderthalle

Nach so vielen wunderbaren Posts zu Jeff Beck auf Facebook nach dessen schockierendem Tod habe ich nach einem alten Fotoalbum gegriffen und da Bilder vom 8. Oktober 1972 gefunden, als ich Jeff mit Tim Bogert und Carmine Appice im Esso Motor Hotel im Frankfurter Stadtwald vorm Konzert in der Jahrhunderthalle getroffen habe. Fotografiert habe ich da als junger Bub noch ohne richtige Kamera mit einer – man höre und staune –Kodak Instamatic, auch bekannt durch ihren legendären Würfelblitz. Erstaunlicherweise hat das sogar im Konzert funktioniert, aber auch nur, weil ich direkt am Bühnenrand stand. Ein Thema im Gespräch war ein Vorfall beim Konzert in Hannover. Da störte es Teile des Publikums, dass hinter den Musikern die Landesflaggen ihrer Herkunftsländern aufgehängt waren und BBA sahen sich mit „Go home“-Rufen konfrontiert. Dabei hatten die Musiker keine politische Botschaft im Sinn. Beck wollte eigentlich nur zum Ausdruck bringen, dass er seine britisch-amerikanische Traumbesetzung endlich auf der Bühne versammelt hatte.

Dobet Gnahoré
Dobet Gnahoré

23.6.2018, 13. Afrikanisches Kulturfest, Rebstockpark

Dobet Gnahoré muss geahnt haben, dass das „Afrikanische Kulturfest“ in Frankfurt ein entspannter, familiengerechter Ort ist. Denn die ivorische Sängerin, halb Diva, halb Amazone, hatte nicht nur ihren Mann Colin Laroche de Féline als Gitarristen in der Band, sondern auch ihr Töchterlein dabei. Das holte sie, ganz stolze Mutter, auf die Bühne. Da sollte die Kleine natürlich mittanzen. Das tat sie eher schüchtern, denn die fast kriegerisch anmutenden Bewegungsabläufe von Gnahoré in ihrem futuristischen Kostüm in Lederoptik nötigten ihr wohl mächtig Respekt ab. Was treibt die Mama da? Die Wahlfranzösin, 1999 wegen des Bürgerkriegs an der Elfenbeinküste nach Europa übersiedelt, hat ihre Wurzeln nicht vergessen und lässt in keinem Moment den Zweifel aufkommen: „Africa, je t’aime ...“. Auch wenn Puristen ihr aktuelles Klangkonzept, live mit E-Gitarre, Schlagzeug und Elektronik eher minimalistisch umgesetzt, zu poppig klingen mag, ist ihre Performance deshalb keinen Deut weniger authentisch, nur eben keine Folklore.

Strassenjungs
Strassenjungs

ca. Frühjahr 1980, Frankfurt, Große Bockenheimer Straße (Fressgass)

„Ich denke es muss 1980 gewesen sein. Die Klamotten hatte ich danach nicht mehr an. Und es war glaube ich nach dem ersten Interview mit Dir in der Kaiserhofstraße.“ Da traf ich Nils Selzer, den Kopf der Strassenjungs für einen Artikel in der rororo-Sachbuch-Reihe „Rock Session“ und für die Fotos gingen wir um die Ecke in die Große Bockenheimer Straße. Schließlich hatte Selzer der Fressgass mit einem bösen Song ein „Denkmal“ gesetzt und gedichtet: „Fressgass für die Reichen mit Bauch, die in einem Laden mehr bezahl‘n als ich im ganzen Monat brauch.“ Die passende Kulisse dafür war die Fassade des Feinkostgeschäfts Plöger. Wie gut, dass es da noch keine Handys gab, denn die Angestellten beäugten unser Tun argwöhnisch und hätten wohl am liebsten alle gleichzeitig die Polizei angerufen.

Peter Hammill
Peter Hammill

5.11.1982, Frankfurt, Sinkkasten

Als Peter Hammill, mit seiner 1967 gegründeten Band Van der Graaf Generator einer der Väter (wenn nicht der Vater) des Prog(ressive) Rok, noch regelmäßig im Sinkkasten auftrat, fiel das Ende seiner 1982-er Tournee auf seinen Geburtstag. Da gab es eine feine Marzipantorte vom Clubbesitzer und auch Konzertveranstalter Mike Scheller brachte ein prunkvolles, süßes Backwerk mit. Seine Plattenfirma schenkte ihm eine schöne Box zum Aufbewahren seiner geliebten Fliegen. Auf dem Foto hier trägt er allerdings keine, denn da hatte er es sich nach dem Konzert in der Brönnerstraße schon bequem gemacht. Lustigerweise sitzt er da auf der alten Plüschbank backstage in der selben Pose wie unser guter Herr Geheimrat Goethe. Dichter unter sich.

Kiss
Kiss

16.9.1980, Frankfurt, Kaiserstraße

Als Kiss 1980 in der Stadt waren, spielten sie am 13. September ein Open Air auf dem Rebstockgelände und man organisierte kurzerhand eine Autogrammstunde im Main Radio mitten im Bahnhofsviertel. Der Schallplatten-Laden hatte zwei Eingänge, so glaube man, die Fans locker durchschleusen zu können während die Musiker, geschminkt und im vollen Ornat, innen an Tischen saßen, um Platten und Bilder zu signieren. Gerade erst hatten Kiss mit „I Was Made For Lovin’ You“ einen Megahit gelandet, trotzdem hatte man wohl nicht mit einem solchem Ansturm gerechnet. Polizei war sicherheitshalber zur Stelle , denn auf der Kaiserstraße ging für fast zwei Stunden nichts mehr. Wir hatten uns auf den Balkon eines gegenüberliegenden Hauses gerettet und konnten von da mit den Kameras Szenen wie diese einfangen.

Hannah Epperson
Hannah Epperson

9.11.2018, Frankfurt, Brotfabrik

Das sieht nach einem innigen Verhältnis aus. Aber Hannah Epperson liebkost hier nicht ihre Geige, sondern singt über das Mikro im Korpus für einen besonderen Klangeffekt. Mit Violine, Mini Keyboard und Loop-Station wird die Wahl-New Yorkerin zu ihrem eigenen Kammermusik-Ensemble. Über rhythmische Pizzicati, tiefe Basstöne und ausschweifende Melodiebögen schwebt ihr ätherischer Gesang, der das Publikum in der Brotfabrik in fremde Galaxien entführte und verzauberte. Da konnte man ihr hinterher nur Komplimente machen. Als ich ihr dann gleich die Fotos vom Konzert schickte, kam tatsächlich Tags drauf eine liebe Mail zurück. Mit einem herzlichen Dank für die „großzügige, warme und aufrichtige Energie gestern Abend“. Das Gespräch habe ihr wirklich viel bedeutet. Wie schön zu hören, auch dass ihr die Bilder gefielen. „Mach‘s gut, füttere deine Seele weiterhin mit guter Musik, so wie ich es tun werde, und wir werden uns auf der anderen Seite einiger neuer lohnender Abenteuer wiedersehen.“

John Mayall
John Mayall

17.5.1973, Frankfurt, Jahrhunderthalle

Man nennt ihn gerne den Vater des britischen Blues. John Mayall. Als ich ihn das letzte Mal im März 2019 im Colos-saal in Aschaffenburg sah, war er 85 Jahre alt und riss seine Fans mit einem dynamischen Konzert mit. Ihn zu sehen rief auch Erinnerungen wach. An seinem Auftritt mit der Jazz Blues Fusion 1973. Wie so oft hatte ich – gerade mal 17 Jahre alt – die Band vorher am Hotel abgepasst, fuhr mit ihr nach Unterliederbach und marschierte dann mit dem Flügelhorn-Koffer von Trompeter Blue Mitchell unterm Arm mit den Musikern backstage in die Halle. Die Konzertpromoter Horst Lippmann und Fritz Rau begrüßten Mayall & Co. an der Tür und ließen mich – obwohl ich offensichtlich nicht zur Band gehörte – passieren. Rau (rechts im Bild) posierte später sogar mit Mayall für ein Foto für mich. Er glaubte meinen journalistischen Ambitionen. Wenig später beim „German Rock Super Concert“ in der Festhalle brachte er mich mit vielen Musikern dort zusammen. „Damit das was wird mit Dir“, war sein Kommentar. Dafür werde ich dem großen Impresario immer dankbar sein.

Peter Gabriel
Peter Gabriel

5.10.1983, Frankfurt, Alte Oper

Diesmal konnte ich mich nicht entscheiden, deshalb gibt es drei Motive von Peter Gabriel, auch wenn ich von diesem Abend in der Alte Oper eigentlich gar keine Bilder haben sollte. Denn es gab keine Fotoerlaubnis. Immerhin nahm uns niemand die Kameras ab. Man setzte auf Vertrauen, aber als ich dann Gabriel auf der Bühne sah, konnte ich nicht widerstehen. Ich schäme mich ein bißchen dafür. Es war die letzte Möglichkeit, ihn noch mal in vergleichsweise überschaubarem Rahmen zu erleben. Denn 1986 auf der „So“- und 1992 auf der „Us“-Tour musste man schon in die Festhalle pilgern und dort gab es große Produktionen mit viel Bühnenaufbau. Stagediving wäre da gefährlich geworden, das Spiel mit reflektierenden kleinen Spiegeln wäre untergegangen, das Make-up kaum zu erkennen gewesen. Sechs Songs vom vierten Album standen im Mittelpunkt des Konzertes, intensive und atmosphärisch dichte Stücke wie „The Rhythm Of The Heat“, „San Jacinto“ und „Shock The Monkey“.

Tolyqyn
Tolyqyn

29.8.2022, Frankfurt, Batschkapp Sommergarten

Wenn man sich auf facebook mit Gruppen wie Ultimate Led Zeppelin konfrontiert sieht, bekommt man von ewig Gestrigen vermittelt, seit den Siebzigern sei keine gute Musik mehr produziert worden. Ausgemachter Blödsinn! Es gibt sensationelle neue Gruppen, nur finden die viel zu wenig mediale Beachtung. Und so spielte das multinationale Berliner Trio Tolyqyn nur vor einer Handvoll Besuchern im Batschkapp Sommergarten. Schade eigentlich. Es war eines der Konzerte der Open-Air-Saison. Mit der Bratsche vor der Brust, die Sänger Roland Satterwhite ohne einen einzigen gestrichenen Ton wie eine westafrikanische Ngoni-Laute spielte, brachte er mit seinen Kollegen Tal Arditi an der Gitarre (er ist mehr Jimmy Page- als Jimi Hendrix-Fan) und Schlagzeuger Péter Somos einen Mix aus (Art-) Rock, Jazz (-Rock), Gnawa-Musik, Highlife und Afrobeat. Einfach genial.

Patti Smith
Patti Smith

9.8.2016, Frankfurt, Palmengarten

Patti Smith wäre beinahe zu spät zu ihrem eigenen Auftritt beim „Summer in the City“ gekommen. „Ich bin durch den wunderschönen Garten geschlendert. Denn ich liebe Schwäne“, ließ die Sängerin und Autorin ihr Publikum beim ausverkaufen Konzert im Musikpavillon wissen. Während ihre Fans sie als Punk-Ikone verehren und andächtig jedes Wort von ihr aufsaugen, menschelte es bei der damals 69-Jährigen. Da gab es dann auch so manch überraschende Ansage wie: „Das nächste Lied widme ich dem Wiener Schnitzel, das ich vorhin gegessen habe.“ Aber selbst solch profane Aussagen klangen aus dem Mund der New Yorkerin wie Poesie. Ansonsten gab es Evergreens wie „Because The Night“ und „Gloria“ zum Finale, davor überraschende Covers wie Prince’ „When Doves Cry“. Ein echtes Erlebnis!

Thin Lizzy
Thin Lizzy

22.11.1973, Frankfurt, Zoom

Es war the place to play in den frühen Siebzigerjahren. Das Original-Zoom mit Eingang in der Stiftstraße. Hier spielten sie alle, die angesagt oder kurz vor dem Durchbruch waren. Selbst Genesis hatten ihren ersten Deutschland-Auftritt nicht etwa in München, Hamburg oder Berlin, sondern in Frankfurt und im Zoom. Auch die Iren von Thin Lizzy standen noch in ihrer Ur-Besetzung mit v.l.n.r. Brian Downey (Schlagzeug), Phil Lynott (Bass, Gesang) und Eric Bell (Gitarre) auf dem Programm. Es war die „Vagabonds Of The Western World“-Tour, die letzte als Trio. 1979 zog der Sinkkasten in die Räume ein. Als der Ende 2011 wegen Insolvenz schließen musste, feierte das Zoom seine Wiedergeburt. Unter den vielen, die ich mit der Bitte um eine Grußbotschaft an die neuen Betreiber anschrieb, war auch Eric Bell. Er konnte sich wie alle sehr gut an den Club erinnern. Denn der war tatsächlich besonders.

Dexys Midnight Runners
Dexys Midnight Runners

4.11.1982, Frankfurt, Volksbildungsheim

1978 in Birmingham gegründet, veröffentlichten die Dexys Midnights Runners um Sänger Kevin Rowland zwei Jahre später das viel beachtete Album „Searching For The Young Soul Rebels“ und hatten daheim auf der Insel mit „Geno“ gleich einen Nummer 1-Hit. In schwarzen Lederjacken und mit Strickkäppis gaben die Jungs die Soulrebellen und waren mit Bläsersatz on the road. Auf dem zweiten Album „Too-Rye-Ay“ überraschten die Dexys dann mit Streichersound und keltischen Folkmotiven sowie einem krassen Imagewechsel. Mit „Come On Eileen“ konnten sie – diesmal auch in den USA – einen weiteren Riesenhit landen. Als sich im Volksbildungsheim die Möglichkeit bot, vorm Konzert schnell ein paar Bilder von Rowland zu machen, fiel mir der Adler im zweiten Stock als Motiv ein. Das fühlte sich irgendwie folkig an. Was wir zunächst gar nicht merkten: Die 1953 passte bestens ins Bild, denn das ist das Geburtsjahr des Bandleaders.

Sting
Sting

26.11.1985, Frankfurt, Festhalle

Mit dem Anfang Juni 1985 veröffentlichten Album „The Dream Of The Blue Turtles“ startete Sting seine erfolgreiche Solokarriere und ging – obwohl The Police noch nicht aufgelöst waren – gleich ohne Andy Summer und Stewart Copeland auf Tournee. In Frankfurt spielte er in der ausverkauften Festhalle mit einer hochkarätig besetzten Band aus renommierten Jazz-Solisten, darunter Omar Hakim, Kenny Kirkland und Saxofonist Branford Marsalis. Im cremefarbigen Nadelstreifen-Anzug überraschte Sting mit wilder, vom Ventilator verwehter Mähne und sah dabei ein wenig verwegen aus. Mit dieser Optik wäre er glatt als kleiner Bruder von Klaus Kinski durchgegangen. Zur Überraschung der Fotografen im Graben vor der Bühne beugte er sich während einer Instrumental-Passage zu ihnen herunter, ihn quäle ein heftiger Kopfschmerz und ob denn nicht einer eine Schmerztablette für ihn habe.

The Master Musicians of Jajouka
The Master Musicians of Jajouka

23.4.2017, Frankfurt, Brotfabrik

The Rolling Stones geben auch nach dem Tod von Schlagzeuger Charlie Watts unermüdlich Konzerte und kommen auf ihrer „The Sixty Tour“ im Juli auch noch mal nach Deutschland. Ob bei all dem Hype um Mick Jagger und Keith Richards (beide 78) noch jemand im Publikum an den schon 1969 verstorbenen Brian Jones, den wahren Kopf der Band, denkt? Jones war ein Jahr zuvor im Bergdorf Jajouka im Rif, um bei einem Fest die jahrhundertealte Musik der Master Musicians aufzunehmen. Die Platte hat nach wie vor Kultstatus. Bachir Attar (hier im Bild), der das Ensemble seit langem leitet und die Tradition am Leben hält, war vier Jahre alt, als Brian Jones zu Gast in Marokko war. Als der alles durchdringende Klang des Blasinstrumentes Ghaita an diesem Sonntagabend die Brotfabrik erfüllte, wurden Erinnerungen wach, wie ich damit als Jugendlicher meinen Nachbarn den letzten Nerv rauben konnte. Wenn ich damals schon geahnt hätte, dass ich da Weltmusik hörte …

Eberhard Schoener
Eberhard Schoener

Trance-Formation – Laser In Concert 23.5.1978, Offenbach, Stadthalle

Nachdem Andy Summers 1977 die Gitarre für das „Trance-Formation“-Album eingespielt hatte, brachte er für die nächste Produktion und die geplanten Tourneen seine Bandkumpels Sting und Stewart Copeland bei Eberhard Schoener ins Gespräch. Schoener verliebte sich sofort in Stings „moderne Opern-Stimme“. Als sie in Offenbach gemeinsam auf der Bühne standen – das Bild, darauf auch Saxofonist Olaf Kübler, entstand Backstage in der Stadthalle – war „Outlandos d’Amour“, das Debüt von The Police, noch gar nicht erschienen. Am 17.1.1979 dann in der Jahrhunderthalle durfte das Trio vorneweg schon drei eigene Stücke spielen. Wild und ungestüm vor einem eher esoterisch angehauchten Publikum. Mit dabei eine große Abordnung von CBS Schallplatten, dem deutschen Vertriebspartner von The Police. Deren Reaktion auf meinen Kommentar, gerade die Zukunft des Rock’n’Roll gesehen zu haben, war indes – freundlich ausgedrückt – sehr verhalten. Was folgte ist Geschichte.

The Bangles
The Bangles

15.2.1986, Batschkapp

Mit „Manic Monday“ hatten The Bangles 1986 in ihrer amerikanischen Heimat, in Großbritannien, Österreich und auch bei uns in Deutschland einen Nr.2-Singlehit. Prince hatte der All-Girl-Band das Lied geschrieben, das sie natürlich auch bei ihrem Auftritt in der Batschkapp spielten. Nach dem Soundcheck trafen wir uns zum Interview und machten auch ein paar Bilder im Wintergarten des Clubs. Da wollten die „Kapp“-Aufbauhelfer und Securities an diesem frühen Samstagabend eigentlich ungestört die „Sportschau“ sehen (wer genau hinsieht entdeckt, dass gerade Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder interviewt wird). Plötzlich gab es auch Unruhe bei den Musikerinnen, denn ihr Manager hatte sich angesagt. Und da schneite kein Geringerer als Miles Copeland plötzlich herein, der auch für die Karriere von The Police verantwortlich zeichnete.

Rory Gallagher
Rory Gallagher

1976 oder 1978, Jahrhunderthalle oder Stadthalle Offenbach

Vor der Pandemie sah man die Band of Friends unter dem Motto „Celebrating Rory’s 25th Anniversary“ im Nachtleben. Vor 27 Jahren ist der geniale irische Blues-Gitarrist im Alter von 47 Jahren nach einer Lebertransplantation verstorben. Zwanzig Jahre spielte Gerry McAvoy Bass in Gallaghers Band. Mit Schlagzeuger Brendan O’Neal hatte er einen weiteren alten Mitstreiter dabei. Zu seiner Überraschung hatte ich ein paar Bilder für ihn, alte Schnappschüsse von der Kodak Instamatic (wer erinnert sich nicht an den Würfelblitz für vier Aufnahmen?!), nachmittags noch eingescannt und bei Rossmann ausgedruckt. Backstage in der Jahrhunderthalle, in trauter Runde am Off day Tags darauf im Continental Hotel am Hauptbahnhof, abends an der Bar des Ur-Zooms beim Besuch des Wild Turkey-Konzertes mit Ex-Jethro Tull-Bassist Glenn Cornick. Mit dabei auch Rorys Bruder Donal. Eine schöne Erinnerung.

Suzi Quatro
Suzi Quatro

6.3.1974, Frankfurt-Bornheim, EMI-Promotionbüro

Noch beim „W-Festival“ ließ sich Suzi Quatro (71) im Mai 2019 von ihren Fans in der Alten Oper feiern. Ein Hauch von Glam Rock wehte mit den Hits „Can The Can“ und „48 Crash“ durch die heiligen Hallen. Bevor Quatro am 6. März 1974 die Stadthalle Offenbach rockte, war sie noch für ein Meet & Greet mit der hiesigen Journaille im Frankfurter EMI-Büro in Bornheim verabredet. Alle warteten auf den Star als die Promoterin meinte, Suzi weile doch schon eine geraume Weile unter uns. Sie hatte sich einfach schüchtern hinter ihrem damaligen Boyfriend und Gitarristen Len Tuckey – doppelt so breit und hoch wie sie – versteckt und wurde so in ihrer ganzen Zartheit zunächst gar nicht wahrgenommen.

Lou Reed
LOU REED

6.4.1979, Offenbach, Stadthalle
Um einen heftigen Disput zwischen US-Soldaten und Lou Reed zu schlichten, kletterte eine junge Frau aus dem Publikum auf die Bühne, um zu vermitteln. Reed wertete das wohl als Angriff und beförderte die Frau unsanft in den Saal zurück. Dann flogen Stühle, das Konzert wurde abgebrochen. Alle Fotografenkollegen eilten mit ihren Bildern des kaputten Mobiliars in die Redaktionen, um die Bilder noch in die Samstagausgabe zu bekommen. Ich blieb und wollte noch Statements vom Veranstalter einholen. Plötzlich kamen Polizisten in die längst leere Halle. Ihnen lag eine Anzeige vor, sie müssten den Künstler befragen, wo der denn sei? Ich bin mit ihnen backstage gegangen und so konnte ich Reeds Verhaftung exklusiv fotografieren. Auch Oliver Augst war als 17-Jähriger dabei und hat jetzt mit den Freunden von Stereo Total eine Konzert-Performance daraus gemacht, die vom 13.-15.3. im Mousonturm zur Aufführung kommt.
Annie Lennox
Annie Lennox

22.10.1986, Frankfurt, Alte Oper
Mit „Sweet Dreams (Are Made Of This)“, „Who’s That Girl“ und „Here Comes The Rain Again“ hatten die Eurythmics Anfang der Achtziger ihre ersten großen Hits. Die Musik von Dave Stewart und Annie Lennox wurde gerne unter „New Wave“ sortiert, dabei hatte die Pop-Variante des Duos allein dank Lennox‘ markanter Stimme reichlich Soul. Auch ihre androgyne, karottenrote Kurzhaarfrisur wurde als richtig cool empfunden. In Frankfurt gab es zu dieser Zeit bei der Band Sparta Beat mit Steffi eine Sängerin, die auf einen ähnlichen Look setzte. Ob Annie von dieser Verwechslungsgefahr erfahren hatte? Jedenfalls waren ihre Haare bei den beiden Konzerten in der Alten Oper auf platinblond umgefärbt.
GIANNA NANNINI
Gianna Nannini

etwa 1983, Frankfurt
Anfang der Achtzigerjahre organisierte der Konzertpromoter Hansi Hoffmann im Wintergarten des Odeon (heute Le Panther) in der Friedberger Anlage regelmäßige „Meet The Press“-Veranstaltungen für die regionalen Medien. In lässiger Atmosphäre konnte man da Rising Stars à la Nena und Markus sowie Altmeister wie Udo Jürgens zum lockeren Talk treffen. Auch Gianna Nannini kam in die Jugendstil-Villa. 1980 hatte die Italienerin – nach der Single „America“ als Vorboten – ihr Album „California“ veröffentlicht. Auf dem Cover die Freiheitstatue mit Dildo statt Fackel. Im Text sang sie zudem über Selbstbefriedigung. Sie begriff das als „Grenzüberschreitung“ und löste damals einen Skandal aus. Gianna selber sah es ganz entspannt. Beim Interview darauf angesprochen, schlüpfte sie gleich selbst in die Rolle der Lady Liberty, siehe Bild.
David Coverdale
DAVID COVERDALE

1981, Offenbach
Nach seinem Intermezzo bei Deep Purple (1973-1976) gründete David Coverdale seine eigenen Band Whitesnake mit der er auch regelmäßig durch Deutschland tourte. Mehrfach war er auch in der Stadthalle Offenbach zu sehen, so im April 1981. Irgendwann im Verlauf des Konzertes fiel Gitarrist Micky Moody ein Junge auf den Schultern seines Vaters in der ersten Reihe auf, der mit seinem Luftgitarren-Spiel die Posen seiner Hard Rock-Helden trefflich imitierte. Prompt holte er den Fan – Viktor hieß er wohl – auf die Bühne und stellte ihn vor sich auf die Bühne. Coverdale, ansonsten damit beschäftigt, mit seinem Mikrofonstativ den Macho zu geben, blieb das nicht verborgen und so schulterte er den stolzen Buben für das schönste und entspannteste Foto des ganzen Abends. Es war auch das letzte, schließlich benutzte man damals noch Filme und die erlaubten nur 36 Aufnahmen.
Rio Reiser
Rio Reiser

1986, Ffm-Heddernheim
Als überraschend die Frage im Raum stand, willst du eine Fotosession mit Rio Reiser machen, gab es kein Zögern. Na klar – die Ton Steine Scherben-Legende vor die Kamera zu bekommen, war natürlich ein tolles Angebot. Gerade war mit „Rio I“ das erste Soloalbum erschienen, darauf Songs und spätere Klassiker wie „König von Deutschland“, „Junimond“ und auch „Alles Lüge“. Der letztgenannte Song inspirierte dann den Hintergrund fürs Shooting, zu dem in meiner Wohnung neben Rio noch sein Manager George Glück, ein Visagist und jemand von der Plattenfirma aufschlugen. Die BILD-Zeitung und auch die Abendpost/Nachtausgabe am Sonntag, die es da noch gab, mussten mit ihren absurden Headlines herhalten. Damals sprach übrigens noch niemand von Fake News.
Bette Midler
Bette Midler

1978, Jahrhunderthalle
„Eigentlich sollte ich ja erst in Offenbach auftreten, aber dann hat mir jemand gesagt, das Beste an der Stadt sei die Straße nach Frankfurt. Jetzt bin ich also hier in der Jahrhunderthalle. Es ist toll hier. Ich finde die Initiative des Unternehmens bewundernswert. Nur verstehe ich die Logik nicht: Auf der einen Seite der Straße laufen die Leute Gefahr, vergiftet zu werden, auf der anderen bietet man ihnen Unterhaltung an“, überraschte US-Star Bette Midler („The Rose“) beim Auftritt 1978 das Publikum bestens informiert mit Insiderwissen. Der Vorstand der Hoechst AG war über diese Boshaftigkeit not amused.